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Unsere Landsleute erinnern sich


Ein besonderes Jahrmarkter Haus im Wandel der Zeit
Franz Loris, 89, erzählt über die Geschichte seines Elternhauses
Aufgeschrieben von Helene Eichinger

Die Eigentümer dieses Hauses im Lothringen waren ursprünglich Margarethe (geb. Berger) und Peter Schneider. Im Laufe der Jahre musste das Haus wie das Dorf viele Änderungen über sich ergehen lassen. Oft ist es wie bei uns Menschen: Äußerlich war die Veränderung nicht immer so bemerkbar, was allerdings nicht sichtbar war, sind die Menschen, die einen Abschnitt ihres Lebens gewollt oder ungewollt bzw. ihre Tage in diesem Haus verbrachten, mit vielen Nöten, Kummer, Ängsten. Und immer wieder auch Freuden und Hoffnung auf ein gutes, geregeltes Leben.

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Neben dem Anwesen Anton Nix war ein freies Grundstück, welches vom Ehepaar Schneider erworben wurde. Das Ehepaar war von 1900 bis1919 in Amerika und hatte sich relativ viel Geld angespart. Eine Krankheit des Ehemannes hat sie wieder in die alte Heimat gebracht. So kam es zum Bau eines für Jahrmarkt eher ungewöhnlichen Hauses im Lothringen im Jahr 1921-22. Als Baumeister fungierte Hans Buhr aus der Zigeunergasse. Es war ein „Winkelhaus“ mit vier Fenstern an der Straßenseite, einer Eingangstür auf der linken Seite und einem Tor vom Kunstschmiedemeister.

Die Fassade war mit einem breiteren Sims, Säulen-Imitationen, Fensterfassungen und einem kleinen Rundfenster über dem Eingang versehen. Es war eine einzigartige Hausfassade in Jahrmarkt in Anlehnung an einen eklektischen Jugendstil, zu dem Tür, Toreingang und sogar die Vorhänge passten, hinter denen auf dem Bild aus dem Jahr 1924 bei genauem Hinsehen jeweils eine Person zu sehen ist. Passend waren alle Dekorationselemente und die Grundfarben in Banater schwäbischen Pastelltönen gehalten.

Auch innen war das Haus mit besonderen, modernen Möbeln aus Amerika ausgestattet.

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Das kinderlose Paar lebte wohlhabend für Jahrmarkter Verhältnisse. Feld kauften sie vorerst keines, weil sie sich nicht zusätzliche Arbeit machen wollten. Sie lebten und verbrauchten ihre Ersparnisse, hatten aber Pech beim Versuch mit einer Schweinemästerei. Etwa 100 Schweine fielen der Schweinepest zum Opfer, es blieb ein einziges Schwein am Leben. Das Ehepaar war bankrott. Im Jahr 1929 ging Ehefrau Margarethe wieder nach Amerika und schickte neues Geld, mit dem dann aber Feld gekauft wurde. Sie selbst arbeitete in einer Auskocherei als Chefköchin. 1933 ist sie infolge eines Hirnschlags bei der Arbeit plötzlich gestorben. Schon damals hatte sie eine Versicherung abgeschlossen, so dass die Beerdigung davon finanziert wurde, sonst hätte dem Ehemann ein erneuter Bankrott gedroht.

Magdalena Loris, geborene Bittenbinder, war von dem Ehepaar als Zwölfjährige in die Familie „angenommen“ worden. Sie heiratete später Nikolaus Loris und sie bekamen einen Sohn Franz. Dieser, der Autor der Erinnerungen, heiratete Katharina Stefan (gest. 2017) und sie haben zwei Kinder, Johann und Magdalena.

Das sogenannte Schilo-Haus hat nicht nur mit der Familiengeschichte zu tun, sondern viel mit der Ortsgeschichte vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Es war wiederholt Unterkunft für Menschen, die fliehen mussten, die ohne Unterkunft da standen und zuletzt war das stattliche Haus von den einstigen Bewohnern und wieder rechtmäßigen Eigentümern endgültig verlassen worden.

Was sie im Laufe der Jahrzehnte mit der Familie und dem ständigen Wechsel der Mitbewohner erlebten, erzählte mir unser Landsmann Franz Loris (Schilo Franz, früherer Zimmererpolier), der mit seinen 89 Jahren aus einem vielseitigen Erinnerungsschatz aus der alten Heimat vieles berichten kann.

1940 gab es Zwistigkeiten der Rumänen mit den Sowjets um Bessarabien, und mit Ungarn wegen Siebenbürgen. Die Banater Dörfer waren voll mit rumänischem Militär. Aus Chisinau war bis 1940 ein Regiment in Jahrmarkt einquartiert, genannt Dreier Rosiori. Im Schilo-Haus war die Regimentskanzlei. Damals kam es im eiskalten Winter zu einem Brand. Da nur feuchtes Holz zur Verfügung stand, wollte man mit viel Petroleum das Feuer entfachen, bis dann zuletzt der ganze Dachstuhl brannte. Ein Glück, dass der Schnee die Flammen teilweise erstickte, sonst wäre das ganze Haus abgebrannt. Eine damalige Versicherung der Regimentskanzlei ließ den Schaden reparieren.

Als der zweite Weltkrieg noch tobte, flüchteten Rumänen aus Bessarabien und der nördlichen Bukowina („refugiati“) ins Banat und mussten bei der Bevölkerung im Dorf unterkommen, zum Beispiel waren bei Schilos zwei Familien im Haus.

Anschließend kamen russische Kriegsgefangene nach Jahrmarkt. Auch im Schilo-Haus kam einer aus Baku unter, genannt Mitre. Er erzählte viel von der Schlacht bei Sewastopol.

Am 25. August 1944 wurden alle 24 Gefangenen an die Apotheke gebracht, auf Pferdewägen geladen und weggebracht. Auch Mitre war dabei. Am nächsten Morgen aber war er wieder zurück im Schilo-Haus. Es dauerte aber nicht lange und als die Sowjets einmarschierten hat sich Mitre auch von Jahrmarkt verabschiedet.

Nachdem der Zweite Weltkrieg beendet war und die Bevölkerung aufatmen wollte, kamen erneut herbe Rückschläge. Zuerst im Januar 1945 die Deportation in die Sowjetunion und dann kurz nach der Erntezeit die entschädigungslose Enteignung der Häuser sowie von Grund und Boden. Dies bedeutete für das Schilo-Haus wieder eine Veränderung. Das Postfräulein mit ihrem Sohn wohnte nun im Haus und vorne war die Poststelle bis 1949. Dazu kam eine Familie, die wohnungslos war. Es wurde immer enger und die Anzahl der Personen stieg an. Mittlerweile hatte Franz Loris geheiratet und die Ehefrau schlief oft mit der Großmutter im Bett, wenn Franz beim Militär war. Drei Jahre war er in Anina in der Kohlengrube. Wenn er heim kam, schlief die Großmutter auf Strohsack und Decken in der Badewanne. Nachdem das Postfräulein ausgezogen war, kam die Familie Makowei ins Haus, bewohnte drei Räume und es kam erneut zu einem Brand. Danach entspannte sich die Lage langsam. Jetzt zog das „Sindicat“ (Gewerkschaftsvertretung) in die Räume, die eine Zeit leer standen. Es fanden nur halbjährig Sitzungen statt.

Um die Räume wieder besser zu nutzen wurde eine Gastwirtschaft dort angesiedelt. Dass die Räume nicht dafür eingerichtet waren, wusste man. WC gab es keines, also wurde hinter dem Tor entladen. Genannt wurde diese Wirtschaft die „Matt“. Sie wurde von der Familie Paul Blasy geführt, auch Gruli Paul genannt.

Als 1970 Hans Loris (Tischtler Hans) Präses bei der „Cooperative“ wurde, kam es endlich dazu, dass die Familie die heruntergewirtschafteten Räume wieder selbst benutzen durfte, nachdem vorübergehend eine Konditorei aufgemacht wurde, die nicht rentabel war. Es war dringend notwendig für die Familie Loris, denn die Kinder waren inzwischen erwachsen und dachten selbst schon daran, Familien zu gründen. 12 Jahre konnte die Familie ab dann in ihrem Haus endlich allein leben, nur Oma Leni ist schon 1970 verstorben.

Es kam die Zeit der Aussiedlung. 1982 zog es auch die Familie Loris und Greif nach Deutschland. Die Nachbarn aus dem Lothringen blieben noch einige Zeit im Ort.

Vor dem Wegzug fegte Schilo Franz als vorbildlicher Schwabe mit einem Reisigbesen (der noch Samen hatte) den Hof. Da das Haus länger leer stand und niemand was pflegen konnte, grünte es im nächsten Jahr in voller Pracht im Hof des Schilo-Hauses und die „Besenreiser“ standen nebeneinander wie stramme Säulen.

Das ist aber noch nicht alles. Vor der Ausreise wurde vieles entsorgt, so auch gesammelte Kamillen, die niemand mehr brauchte, auf dem Misthaufen. Im nächsten Jahr gesellte sich zu den grünen „Besenreiser“ ein wunderschönes Kamillenmeer auf der Tenne. Im Garten trug der junge Kirschbaum eine überreiche Ernte an süßen Kirschen. Es schien, als hätte das Haus nicht aufgehört die positive Energie der verstrichenen und ausgehaltenen schwierigen Zeiten zu verlieren.

Das Haus blieb aber nicht leer. Es zog eine Frau ein, die die veredelten Reben alle abholzte und den Kirschbaum absägte. Im vorderen Teil des Hauses zog eine Apotheke ein.

Das Haus steht noch, die einstigen Bewohner leben weit entfernt in einem neuen Haus, selbst entworfen und gebaut für die ganze Familie, so wie es üblich war in der Großfamilie.

Es ist ein großes, heutzutage und hierzulande eher seltenes Gut, dass Jung und Alt hier miteinander ihr Leben teilen.

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